
![]() Umarmungen und Zeichen des Mitgefühls tun besonders gut in diesen düsteren Tagen. |
von Martin Schmitzer
Uwe Schill kann reden in seiner Trauer. Von sich aus hat der Vater der getöteten Chantal unsere Redaktion aufgesucht, und es hat sich ein Gespräch ergeben über die Dankbarkeit des Hinterbliebenen für den großen Beistand. Und über den Schmerz darüber, wie Bild-Zeitung und Fernsehsender sich des Bildes der getöteten Tochter bemächtigen; und wie Bekannte über Opfer und Täter sprechen und er dies wehrlos im Fernsehen mitverfolgt.
Zwei Stunden nachdem Chantal gestorben war, stand ein Reporter bei Schills in der Haustür und wollte Bilder von Chantal. „Kein Ausdruck des Beileids, keine Rücksicht, kein Mitgefühl . . . Mein ältester Sohn hat ihn dann von der Tür gewiesen.“
Schills fühlten sich bedrängt und in ihrer Trauer missachtet. Aber sie haben auch Beistand von vielen im Ort und in Winnenden: „Mich freut riesig diese Anteilnahme auch von Menschen, von denen man es nicht erwartet hätte.“ Uwe Schill, seine Frau und seine Kinder spüren ein ehrliches Mittrauern, und dabei kann er sich gut in die Leute hineinversetzen, die ihm begegnen: „Wenn ich nicht betroffen wäre, hätte ich selber nicht gewusst, wie ich mich verhalten sollte einem Hinterbliebenen gegenüber.“ Er ahnt, dass viele Menschen unsicher sind und auf Nachfrage sagt er: „Man kann ruhig auf uns zugehen, wenn es ehrlich gemeint ist. Wir wollen uns nicht verschließen in der Trauer.“ Dankbar ist er für die vielen Umarmungen und Zeichen des Mitgefühls.
Trotzdem hat er auch im näheren Umfeld Dinge erlebt, die ihm wehtun: „Es gibt Menschen, die in Interviews für Zeitungen und Fernsehen über Täter und Opfer reden, Sachen sagen, die man nicht mehr zurückholen kann.“ Das Bild der getöteten Tochter wird fremdbestimmt: „Die Bild-Zeitung und andere, auch Fernsehsender, ziehen Profit aus unserem Leid! Dreimal hintereinander sind Bilder von Chantal erschienen, ohne dass wir das gewollt hätten. Wir hätten das nie erlaubt.“ Die Lokalzeitung nimmt er von der Kritik aus: „Ich habe beobachtet, dass Sie sehr verantwortungsvoll mit den Nachrichten umgehen.“
Bilder aus dem Schüler-VZ
Schill vermutet, dass die Fotos seiner Tochter aus dem Schüler-VZ stammen, einem Internetverzeichnis, das bei Schülern äußerst beliebt ist und in das die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler Fotos von sich hineinstellt - meist in dem Gefühl, dass nur andere Schüler dieses Verzeichnis anschauen, dass Jugendliche und Kinder unter sich wären in dieser Abteilung des Internets. Aber Internet ist immer Weltöffentlichkeit. Die Bildbeschaffer bestimmter Medien nützen dies aus. „Die reißen die Bilder an sich und fragen nicht danach, was wir Hinterbliebenen denken und fühlen“, sagt Schill. Chantals Vater bleibt ruhig und nachdenklich, wenn er von diesem Ausgeliefertsein erzählt. Verbitterung - auch wenn sie noch so erklärlich wäre - Verbitterung übermannt ihn nicht. Von unendlicher Dankbarkeit ist er erfüllt, wenn er an die vielen, vielen Beteiligten denkt, die den Hinterbliebenen helfen. Seine Familie und er fühlen sich getragen und gestützt von offizieller und privater Seite. „Da ist die Polizei, die uns von Anfang an betreut. 24 Stunden am Tag ist ein Kriminalhauptkommissar für uns ansprechbar, der schon ganz am Anfang dabei war. Wir haben das gute Gefühl, dass viele Leute für uns da sind. Dankbar sind wir für die Psychologen und Seelsorger, die uns Halt geben.“
Bürgermeister Jürgen Kiesl habe sich sehr persönlich um die Hinterbliebenen gekümmert und zum Beispiel dafür gesorgt, dass die Gräber der drei getöteten Mädchen aus Weiler zum Stein nebeneinander liegen, worüber die Hinterbliebenen sehr froh sind. „Ich habe jetzt so ein Bedürfnis nach Frieden und Harmonie... und ich finde Frieden“, sagt Uwe Schill. Bei drei Gedenkgottesdiensten hat er mitgemacht. „Der in Weiler zum Stein war so bewegend und feierlich - das hat gutgetan. Keiner hat irgendetwas Unechtes spielen müssen. Viele sind hergekommen und haben uns gedrückt.“
Chantals Eltern wollen ihr Kind nicht in aller Stille beerdigen. „Viele andere werden sich auch von ihr verabschieden wollen und es ist uns wichtig, dass sie das können.“
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