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Contra: Besser baden als Bollywood-Party

von Rudolf Bede

Der Tag versprach wenig Gutes. Dichte Wolken verdeckten den Himmel und schufen eine Atmosphäre vollkommener Traurigkeit. Nicht vergleichbar mit der drückenden Euphorie der vorausgegangenen Gluthitze. Bestens geeignet, um in einer spannenden Reise dem Alltag zu entfliehen. In ein Land voller Exotik, geschichtsträchtiger Kultur und unentdeckter Geheimnisse. So hätte es ein Reiseführer ausgedrückt.

Ich hatte allerdings wenig Entscheidungsspielraum. Zu leichtfertig hatte ich mein Einverständnis gegeben, für einen Abend, einer Konfrontationstherapie gleich, in das fremdartige Universum „Bollywood“ einzutauchen. Und so rückte der Tag der Wahrheit mit unerbittlicher Grausamkeit näher. Denn obwohl ich Toleranz für ein extrem wichtiges Gut halte, war meine Seele bisher nicht bereit, sich dem Phänomen der indischen Filmeschmiede in mehr als nur herzlicher Abneigung zu verbinden.

Für mich ist Bollywood das Drama und seine Perversion. Bildhaft gesprochen sind diese Filme die Summe aller Seifenopern seit der Erfindung des Fernsehens. Bollywood erzählt keine Geschichten, Bollywood verkörpert Klischees, verknüpft Bilder von Liebe und Trauer, die einer infantilen, allenfalls vorpubertären Märchenvorstellung entsprungen sind. Gewürzt mit einer altertümlichen Geschlechterverteilung und garniert mit Tanz- und Gesangseinlagen, die sich im Fünfminutentakt wiederholen.

Ein vor Klischees strotzendes Liebespaar im Balzritual

Die indische Version eines Musicals könnte auch ein Albtraum von Andrew Lloyd Webber sein. Bildlich sieht das dann so aus: Ich flaniere ahnungslos auf der Königstraße und finde mich plötzlich in einem Pulk tanzender Gestalten in Seidengewändern wieder, deren einzige Aufgabe es ist, das dümmlich gaffende Umfeld für ein vor Klischees strotzenden Liebespaares im Balzritual darzustellen.

In Indien wie Europa werden die Filme immer beliebter. In Indien sind die Schauspieler Volkshelden. Das finde ich nachvollziehbar, wo sonst wird die Anfälligkeit der Menschen für die Kino-Träumereien größer sein als in einem Land, in dem so viele unter der Armutsgrenze leben. Vom harten Alltag der großen indischen Bevölkerungsmasse sind diese Filme sicher weit entfernt.

Die zeigen höchstens Raritäten wie Slumdog Millionaire. Aber solche Filme lassen sich filmisch nicht dauerhaft adäquat für ein westliches Zielpublikum produzieren. Daher entführen einen die Bollywoodschinken in die Welt der indischen Oberschicht. Dort ist alles „chic“, was westlich ist. Und auch die Herkunft des Wortes Bollywood, eine Wortkonstruktion aus „Bombay“, dem Produktionsort der Filme, und „Hollywood“, kommt nicht von ungefähr. Die eigentliche Bezeichnung wäre „Hindi“-Film. Marketing-Strategen sei Dank, kennt man sie aber unter dem Namen Bollywood. Das geht uns Westeuropäern auch besser über die Zunge.

In Deutschland wächst der Absatzmarkt. Veranstaltungen für Fans gibt es immer häufiger. Die Monsunparty in den Schwabenquellen des Stuttgarter SI-Zentrums war das jüngste Beispiel. Sie sollte das Bollywood-and-beyond-Festival am Vorabend des Veranstaltungsendes abschließen. Ich war noch nie zu Besuch in den Schwabenquellen. Ich hatte wenig Ahnung, was mich erwarten könnte, wenn ein nobles Erlebnisbad mit Saunalandschaft eine Bollywoodparty veranstaltet. Ich dachte eigentlich nicht, dass dieses Ambiente zur indischen Kultur passt. Und mich beschlich das unangenehme Gefühl, ich könnte in dieser merkwürdigen Welt fehl am Platze sein.

Die Vorstellung kehrte sich dann aber erstaunlicherweise ins Gegenteil, denn es war nun wohl kein Ort für einen solchen Themenabend besser gewählt. Dessen Ambiente, ohnehin recht exotisch, versetzte mich sofort in eine Art surreale Urwaldlandschaft. Der Duft verschiedener Curryspeisen tat sein Übriges.

Der Bollywoodsoundtrack dazu war gefällig und passte gut in die Szenerie. Kaum zu glauben, aber ich begann mich wohlzufühlen. Auch weil das Publikum eben nicht aus „in Seiden gekleideten“ und tanzenden Statisten bestand. Die kamen erst später. Zwei Artisten gaben mehrere Tanzvorführungen unter tosendem Applaus auf einer zentralen Plattform. Sie waren aber bestimmt nicht aus Mumbai importiert. Ich ertappte meinen Fuß dabei, als er anfing, im Takt zu wippen. Ich erschrak.

Bevor meine Unsicherheit zu groß wurde und zu einem Zeitpunkt, als das Bad tatsächlich von immer mehr jungen, indisch aussehenden Männern und Frauen gefüllt wurde (ich weiß nicht, wo die alle herkamen), wechselte ich in die Saunalandschaft.

Reflektierend sinnierte ich über das Erlebte nach. Ich denke jetzt, dass der Kern des Bollywoodphänomens im Drang der Menschen nach Exotik und Träumereien liegt. Die Filme sind mir immer noch zu viel und ich kann und will sie nicht sehen, aber wichtig zu wissen ist auch, dass sie offenbar doch nicht repräsentativ für die indische Kultur sind. Die Monsunparty präsentierte sie im Ansatz, eine Lightversion, aufbereitet für ein deutsches Publikum, eingerahmt in einem Topambiente. Mir sagte das viel mehr zu.

Wer das Land letztendlich wirklich kennenlernen will, muss es besuchen. Ich bewahre das Gefühl eines angenehmen Abends. Es hätte viel schlimmer kommen können.


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