
von Anne-Katrin Schneider
Anfang Februar veröffentlichte die 16-jährige Charlotte Ulbrich aus Endersbach ihren Debütroman „Im Labyrinth des Ichs“. Vor dem Hintergrund der allgemeinen Helene-Hegemann-Hysterie geriet sie deswegen in die Schlagzeilen der Bildzeitung. Wie Charlotte und ihre Eltern damit umgehen.
Matthias und Nathalie Ulbrich sind aus gutem Grund stolz auf ihre Tochter Charlotte. Nicht nur, weil die 16-Jährige Talent zum Schreiben, und erst kürzlich ihren ersten Roman veröffentlicht hat, sondern weil Charlotte überhaupt nicht dem Klischee einer abgestumpften, gewaltgewöhnten und oberflächlichen Jugend entspricht. Sie ist eine junge Frau, die mit offenem Herzen und viel Empathie die Welt erkundet.
Charlottes Texte bieten genau das, was viele große Literaturkritiker an der wegen eines Plagiatvorwurfs in die Kritik geratenen Jungautorin Helene Hegemann vermissen: authentische Jugend. Sensibilität. Verwundbarkeit. In ihrem Erstlingsroman „Im Labyrinth des Ichs“, den wir am 12. Februar auf der Jugendseite vorgestellt haben, geht es um den 16-jährigen Marco, der langsam seine Homosexualität und sich selbst entdeckt. Irgendwann, nach vielen Verstrickungen, bringt er schließlich den Mut auf, seiner Liebe Dennis einen ungeschickten Kuss auf die Lippen zu drücken. Dennis küsst zurück. Das ist die einzige Szene, in der es um körperlichen Kontakt geht.
Der Schock einer schlimmen Schlagzeile
„Flotte Charlotte! Mit 16 schreibt sie Sexromane ... dabei hatte sie selbst noch nie einen Freund“, titelte die Bildzeitung am Mittwoch, 24. Februar.
„Als ich die Überschrift sah, musste ich erst einmal lachen, weil das so komisch und unwirklich wirkte und ja überhaupt nicht zu dem Buch passt“, erinnert sich Nathalie Ulbrich. Doch dann liest sie weiter und bekommt Angst um ihre Tochter: „... nicht so eklig und vulgär wie bei Charlotte Roche (31/Feuchtgebiete). Und auch angeblich nicht bei anderen Autoren abgeschrieben, wie Kritiker es Helene Hegemann (18/Axolotl Roadkill) unterstellten.“
Eine Unverschämtheit. Zum Glück kommen auch Charlottes Schulfreunde und Bekannte zu diesem Urteil. „Richtig übel“ wird Nathalie Ulbrich dann aber trotzdem. Auf dem Weg zur Arbeit begegnet ihr eine Bekannte. Die wirft der Mutter vor, ihr armes Kind schutzlos der Boulevardpresse ausgeliefert zu haben. Am Bahnhof sieht Nathalie Ulbrich zum Überfluss auch noch einen großen Aufsteller: „Endersbach: Teenie (16) schreibt Buch über Sex“ – zwei Tage lang verkauft sich das Blatt so auf Kosten von Charlotte.
Später, als Nathalie Ulbrich eine Journalistin der Bildzeitung zur Rede stellt, wird die ihr sagen, dass sie doch dankbar sein könne, es gäbe keine bessere Werbung für das Buch ihrer Tochter.
Das stimmt natürlich nicht. Neun Exemplare des Buches wurden bislang beim Presselverlag in Remshalden bestellt, sagt Charlotte. 42 hat sie selbst verkauft - an Bekannte und Interessierte. Bislang nicht an Bildzeitungsleser.
„Es war am Dienstag. Ich kam gerade von der Arbeit, als der Bildzeitungsredakteur anrief. Er fragte nur, ob er mit Charlotte sprechen könnte“, erzählt Matthias Ulbrich. Er habe sich einen Moment lang gewundert, aber da Charlotte gerade vorbei durch den Flur lief, habe er ihr den Hörer überreicht. Ulbrich: „Ich war dann erst sehr skeptisch, aber dann ging ja alles ganz schnell und Charlottes Antworten waren harmlos.“ Keine fünf Minuten dauerte das Telefonat. Der Mann sei nett gewesen, sagt auch das Mädchen. Sein Lachen hallt ihr jetzt aber immer noch im Kopf.
Ein Fotograf sei gekommen, weil ihm das „Bild von dpa nicht gefallen“ habe. Er bat Charlotte, ein bunteres Oberteil anzuziehen, und ihre Mutter sagt: „Der Mann wirkte richtig verliebt in Charlotte.“ Die Eltern freuten sich, dass Charlottes Buch nun bekannt werden würde. Mit dem Artikel, der dann am nächsten Tag erscheint, hätten sie nicht gerechnet.
Besonders weil Charlotte so bescheiden ist, hätten ihre Eltern sich über ein bisschen Ruhm gefreut. Im Sommer 2008 hatte das Mädchen das Manuskript vor dem Fernseher in seinen Laptop getippt. Aus Angst, es könne nicht gut genug sein, zeigte Charlotte ihr Werk niemandem, weder ihren Freunden noch ihren Eltern.
„Es war meine Geschichte, es ging um meine Hauptcharaktere, die wollte ich für mich behalten“, erzählt sie. Trotz vieler Rechtschreibfehler und logischer Skurrilitäten waren die Mitarbeiter des Presselverlags sofort begeistert.
Die Lektion: Familie Ulbrich setzt Grenzen
„Sie hat nie das Wort Sex gebraucht, wird aber damit zitiert“, empört sich heute Nathalie Ulbrich. Ihr Mann wirft nüchtern ein: „Aber jetzt sind wir schlauer und natürlich auf der Hut.“
Es waren drei aufregende, leider aber auch schlimme Tage für die Familie. „Wir haben alle nicht geschlafen“, erzählt Charlotte. Fünfmal habe die Bildzeitung angerufen, aber auch RTL und ein weiterer Verlag. Online erschienen Artikel auf welt.de, in der Mainpost und auf Bild.de. „Eine Redakteurin der Bild-Onlineredaktion rief am Mittwoch noch einmal an und bat darum, jetzt doch einen Auszug aus dem Buch abdrucken zu dürfen “, erzählt Charlotte. Das Mädchen nutzte die Gelegenheit, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Sie verlangte Änderungen des Textes. Die Redakteurin gab teilweise nach. „16-Jährige schreibt Schwulen-Roman“ steht jetzt da, das Wort Sex wird sparsamer eingesetzt. Ihre Mutter verlangte von der Journalistin außerdem, künftig Fragen schriftlich vorzulegen, und sprach auch die vielen verletzenden Kommentare an, die Leser auf der Internetseite der Bildzeitung unter den Artikel geschrieben hatten.
„Vom Kopf her ist mir klar, dass diese Leute mein Buch nicht gelesen haben“, sagt Charlotte. Aber dann saß sie im Matheunterricht, sie hatte wieder einmal nichts verstanden und fühlte sich unsicher. „Ich sah dann plötzlich wieder all diese idiotischen Sprüche vor meinem inneren Auge und dachte nur noch ,Es stimmt. Die haben recht.’“Da stand, Charlotte sei eine „hässliche Schabracke“, die bestimmt auch mit 20 noch keinen Sex haben würde, sie hätte abgeschrieben und sei noch grün hinter den Ohren. Ihr Buch sei ein Abklatsch von Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“. Als Charlotte davon berichtet, hat sie wieder Tränen in den Augen. Ihre Mutter nimmt sie in den Arm.
„Wir fühlen uns nicht als Opfer und wir denken jetzt auch nicht schlecht von allen Medien“, sagt Matthias Ulbrich. „Wir müssen jetzt unser Leben leben und Charlotte soll etwas Schönes machen, um sich erst einmal abzulenken.“
Der Alltag gehe weiter. Und das Wohlergehen der Familie sei wichtiger als Medienruhm, der letztendlich doch keiner ist. Das sei auch eine Lektion aus den vergangenen Tagen. Die Familie geht davon aus, dass es noch weitere Anrufe geben wird. Und dass das Interesse dann vermutlich wieder abflacht. „Wir werden von nun an versuchen, erst einmal herauszufinden, welches Interesse die jeweiligen Journalisten verfolgen“, sagt Matthias Ulbrich. Und je nach Medium würden sie dann auch Bedingungen stellen. Bei der Bildzeitung und RTL haben sie damit schon angefangen.
Nathalie Ulbrich verlangte für ein weiteres Interview mit Bild die Fragen vorab schriftlich per E-Mail. Auch RTL sollte sein Anliegen schriftlich erklären. RTL reagierte auf diesen Wunsch bislang nicht. Ein „Indiz, dass man dort gar kein ehrliches Interesse hat“, sagt Matthias Ulbrich.
Die Bildzeitung indes fügte sich und zeigt sogar Reue: „Liebe Charlotte, eben habe ich mit deiner Mutter telefoniert. Das mit den unschönen Kommentaren tut mir sehr leid“, schreibt die Redakteurin. Weiter: „Wir haben die Kommentarfunktion sofort aus dem Artikel genommen – nun ist dort nichts mehr zu lesen. Dass so viele Leser kommentieren, zeigt, dass sich viele für dich und dein Buch interessieren, was ja sehr positiv ist.“
Doch Charlotte lässt sich nicht mehr so leicht einlullen. „Ich werde auf keinen Fall alle Fragen beantworten und ich werde mich deswegen auch nicht stressen lassen“, sagt sie. Außerdem gibt sie die Antworten vorab ihren Eltern zum Lesen. „Normalerweise lassen wir Charlotte gerne ihre Freiheit, aber in diesem Fall müssen wir sie beschützen“, sagt Nathalie Ulbrich. Und Charlotte nickt. Nun hat ein weiterer Verlag angerufen, der Charlotte und einen anderen Jungautor porträtieren will. Die Eltern sind sich einig: „Falls es zu Aufnahmen kommt, dann nicht bei uns zu Hause, und wir fahren mit“, sagen sie. Und: Sie wollen den Film vor der Veröffentlichung sehen.
Erschöpft sitzen Vater, Mutter und Tochter auf dem Sofa. Es ist neun Uhr. Endlich Zeit zum Abendessen. Danach muss Charlotte auch noch Hausaufgaben machen. Doch wieder einmal sind ihre Eltern zu Recht stolz auf sie. „Später kannst du deinen Kindern erzählen, dass du es schon mit 16 mit der Bildzeitung aufgenommen hast“, sagt Nathalie Ulbrich. Und Charlotte lacht.
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